Foto: Der Solothurner Schriftsteller Josef Reinhart
Erinnert Ihr Euch an das Pausenzeichen, das von 1926 bis 1966 im Radio Beromünster ertönte? Genau: Die Melodie des bekannten Volksliedes
"D Zyt isch do". Der Text wurde vom Solothurner Volksdichter
Josef Reinhart verfasst. So wie Josef Reinhart der Volksdichter des Kantons Solothurn gewesen ist, so hatte damals praktisch jeder Kanton seinen hochgeschätzten Dichterfürsten. Auch Frauen gaben vielerorts den lyrischen Ton an. Wie beispielsweise
Sophie Hämmerli-Marti aus dem Kanton Aargau. Neben ihren Texten zu politischen und kulturellen Anliegen der Schweiz war die Autorin in ihren Prosastücken auch eine frühe Kämpferin für die Emanzipation der Frau. Oder der Schwyzer Dichter
Meinrad Inglin, dem wir die beiden (verfilmten) Klassiker "Der schwarze Tanner" und "Das gefrorene Herz" verdanken. Natürlich müssen wir auch
Jeremias Gotthelf aus dem Bernbiet zu den eigentlichen Volksdichtern zählen. Seine Werke geniessen heute bekanntlich den Status von Weltliteratur.
Auch wir Baselbieter hatten unseren Hauspoeten, welcher auch in der damaligen Presse regelmässig zu träfem Worte kam:
Emil Schreiber, 1888-1972. Im Brotberuf war er - für die damalige Zeit nicht ganz unüblich - Lehrer. Seine Freizeit gehörte jedoch ganz der Dichtkunst. So war er auch Verfasser des damals vielbeachteten Festspiels des Kantons Basel-Landschaft an der Landi 1939 in Zürich. Auch in Schulbüchern fand er Einlass. Ich kann mich deshalb noch gut daran erinnern, wie wir als 10jährige eines seiner Gedichte auswendig lernen mussten. In einfacher Prosa beschreibt Emil Schreiber dabei das Wunder der uns nährenden Mutter Natur:
Dräck
's Noochbers Chnächt, der Bänz - Gott hett in selig -
er hätt öbbis anders sölle geh.
Aer isch nit gsy, wie die meischte Buure.
Aer hett alls mit bsund're n Auge gseh.
I chönnt allerhand vo ihm verzelle.
Jedes Tierli hett er pfläggt und g'schützt.
Er hett gsait: Gott heeb gar nüt erschaffe,
wo nit dämm und sälbem öbbis nützt.
Ei Uuspruch vom Bänz, dä isch mer blibe.
Aer hett gacheret. - I lauf derzue.
Boodelos ischs gsi, 's het zümpftig dräcket,
und i rüef': "Bänz, hesch du dräckig Schueh!"
"Dräck!? - Das isch kei Dräck, du junge Schnuufer!
Strossedräck und Stubedräck, das gitts,
aber, was bim Ach're n an de Schuehne
hange blybbt, das isch kei Dräck, potz Blitz! -
's isch ess Stück vo euser Mueter Aerde,
vo n ere Mueter, die vo früeh bis spot
schafft, ass d'Möntsche chönne sy und wärde...
in der Aerde, nit im Dräck, wachst 's Brot."
Ja, das war er, der knorrige Schulmeister Emil Schreiber, der jedoch, sobald er ins Gewand des Dichters schlüpfte, ungemein feinsinnige Worte drechseln konnte. Wer würde sich heute noch getrauen, so gefühlvolle und berührende Dichtkunst zu verfassen?